Rebuilding its temple / Den Tempel wieder aufbauen
Von Mark Houser
Pittsburgh Tribune Review, 30. April 2006
Moundsville, West Virginia – Dreißig Jahre nach seiner Errichtung auf einem abgelegenen Hügel in den Appalachen bröckelt der prächtige "Palace of Gold", den die Hare Krishnas für ihren Swami errichteten. Mitunter spiegelt sich das Licht der Kronleuchter in Regenwasserpfützen auf dem marmornen Boden.
Die religiöse Kolonie 90 Meilen (ca. 130 km) südlich von Pittsburgh trägt den Namen "Neu-Vrindaban", nach einem Wallfahrtsort in Indien. Sie war gedacht als das Vorzeigeobjekt der Hare Krishnas, einer hinduistischen Sektengründung eines Missionars aus Bengalen auf dem Höhepunkt der Hippie-Ära.
Einst kamen Heerscharen von Touristen, um den reich geschmückten Tempel zu bestaunen, die Schwanenboote, die Elefanten - einen als Statue und einen leibhaftigen – und die safrangewandeten, kahl geschorenen, tanzenden Sektenanhänger, die dies alles erbaut hatten.
Dann führten Machtkämpfe, religiöse Spaltungen, Betrugs- und Mordfälle und Kindesmissbrauchs-Skandale zum Niedergang der Hare Krishnas.
Vom Leitungsgremium der weltweit verbreiteten Sekte wurde New Vrindaban wegen Ketzerei ausgestoßen; ihr Anführer erhielt eine Haftstrafe. New Vrindaban ging Bankrott.
Die Zahl der Mitglieder ging drastisch zurück, von ehemals mehr als 700 zu den Glanzzeiten der Kommune. Noch 100 leben in den abgewohnten Behausungen in New Vrindaban oder auf Bauernhöfen auf den Hügeln der Umgebung.
Doch vor kurzem ließen die allerneusten Hare Krishnas den "Tempel der Verständigung", ganz in der Nähe des "Goldpalastes", erzittern, als sie mit Trommeln, Tänzen und Gesängen ihren Gott herbeiriefen.
"Wenn du eine Weile dieser Musik zuhörst, spürst du so eine Art Schwingungen im Inneren", äußerte sagte einer der Besucher, Srinivasan Madhita, ein Softwareprogrammierer aus New Jersey, der gegen eine Schlange von Gläubigen anschreien musste, welche mit Conga-Trommeln vorbeizog.
Madhita war einer der 80 Inder, die letzten Monat zwei Tage in New Vrindaban bei Seminaren, veganen Büffets und Meditationsgesängen verbrachten. Die Pilger lebten in einer spartanischen Unterkunft in der Nähe des Tempels oder in Hütten am Waldesrand, wo in den Bäumen die Pfauen schreien.
Heutzutage ist New Vrindaban, wie die die meisten Hare-Krishna-Tempel in Amerika, von der Großzügigkeit indischer Geschäftsleute abhängig. Spenden und "frisches Blut" stammen aus deren Kreisen.
In mehreren Tempeln in Nordamerika, wie in Los Angeles, Toronto und Washington sind über die Hälfte der Gottesdienstbesucher Inder; in New Vrindaban sind sie die Mehrheit.
Der Seminarleiter, Gauranga (36), ein Krishna-Mönch aus Bombay, war früher Computerprogrammierer. Er erläutert er die Lektionen aus dem heiligen Buch Bhagavad-Gita in Begriffen, mit denen neue Anhänger seinen Worten nach etwas anfangen können: "Warum geht die Festplatte im Kopf kaputt, und wie kann man sie wiederherstellen?"
"Es ist wirklich nicht von Bedeutung, wer die Tempelbauer sind: Inder oder Amerikaner", so Sai Chandrasekharan (29), ein Elektroingenieur, der mit seiner Frau für dieses Wochenende aus North Carolina angereist war.
Einige alteingesessene Tempelbewohner betrachten die neuesten Entwicklungen ihrer Religion mit gemischten Gefühlen.
"Ich weiß nur, es ist nicht mehr das, was es mal war", äußerte Gopalasyapriya, ehemals Diane White, die vorher in einem Indianerzelt in Michigan wohnte und nun fast seit 30 Jahren auf New Vrindaban lebt. "Um ehrlich zu sein, in den letzten Jahren ist es für mich immer schwieriger geworden, Gründe zum Hierbleiben zu finden."
Die Anfänge
Die Hare-Krishna-Bewegung der Gegenwart nahm ihren Anfang im Jahr 1965, als ein 69-jähriger Swami [Mönch] namens Prabhupada mit heiligen Schriften aus dem Hinduismus im Gepäck ein Schiff nach New York bestieg und von dort aus den Bus nach weiter Pittsburgh nahm.
Gopal Agarwal, ein indischer Ingenieur in dem Ort Butler, war Prabhupadas Gönner. Einen Monat lang hielt Prabhupada bei den Arwals im Wohnzimmer abendliche Vorträge im kleinen Kreise, bevor er sich wieder nach Manhattan begab.
Dort begründete er die "International Society for Krishna Consciousness" (ISKCON), wie die Hare Krishnas offiziell genannt werden.
Sein Timing hätte nicht besser sein können. Anhänger alternativer Lebensstile strömten in Scharen jenem Glauben zu, der vor die wahre Erkenntnis der Seele den Verzicht auf alles Weltliche setzte. Innerhalb weniger Jahre schuf Prabhupada eine Massenbewegung mit tausenden Ex-Hippies und wenigstens einem Ex-Beatle in seiner Gefolgschaft.
Strenggläubige Hare Krishnas beten jeden Tag für mehrere Stunden ihr heiliges Mantra. Sie verzichten auf Fleisch, Eier, Pilze, Zwiebeln, Knoblauch. Koffein, Tabak, Alkohol, Genussmittel und auf jede Art von Sex, die nicht der Zeugung eines ehelichen Kindes dient.
1968 kaufte ein Krishnajünger, Keith Ham, mit dem Sanskrit-Ordensnamen Kirtanananda, auf einem Hügel in West Virginia ein heruntergekommenes Bauernhaus, das die Einheimischen bei der Kaninchenjagd genutzt hatten, und begann damit, New Vrindaban zu errichten.
Den "Goldpalast" plante er als Behausung für Prabhupada, die natürlich entsprechend groß angelegt sein musste. Krishnajünger schmückten den Palast reich mit Buntglasfernstern, handgefertigten Kronleuchtern, Schnitzereien aus Teakholz, Wand- und Ölgemälden, Blattgold und tonnenweise importiertem Marmor und Onyx.
Diejenigen, die sich nicht am Bau beteiligten, schwärmten mit Blumen und religiösen Büchern aus, um auf Flughäfen das "Spendengeld" zu sammeln, mit denen der Bau bezahlt werden sollte. Ihre aggressiven Werbemethoden brachten ihren Gerichtsverfahren ein, sowie Hausverbote auf so ziemlich allen US-Airports, auch auf dem von Pittsburgh. In einer Entscheidung von 1992 bestätigte der Supreme Court endgültig das Hausrecht der Flughafenbetreiber, was die Hare Krishnas dazu zwang, sich anderweitig nach Geldquellen umzusehen.
1977 verschied Prabhupada. Zwei Jahre später wurde der Palast als Gedenkstätte für ihn eröffnet.
Zu dem Team, das den Hügel für den Bau vorbereitete und mit der Spitzhacke Kalksteinbrocken für die Palastfundamente aus der Erde brach, gehörte der 57-jährige Terry Sheldon. Heute bewirtschaftet er in New Vrindaban 2,8 Hektar Ackerboden von und düngt ihn mit der Gülle von 100 heiligen Rindern.
"So viel Kuhmist, wenn man ihn wertschätzt, ihn als Gabe der Kuh würdigt - und nicht nur die Milch – dann hat man die Grundlage einer autarken Gesellschaft", sagt er.
Sheldon, der sich Tapah Punja nennt, erarbeitet mit lokalen Universitäten Unterrichtsprogramme über Landwirtschaft. Neben der religiösen Gemeinschaft und den Besuchern profitiert auch eine mobile Suppenküche von den Gemüsesorten und Heilkräutern aus Tapah Punjas Garten. "Ich möchte hier mal als Kompost enden", sagt er.
Harte Zeiten
Nach Prabhupadas Tod lieferten sich Kirtanananda und die anderen Gurus erbitterte Machtkämpfe, die bald in Gewalt ausarteten.
Nachdem er 1985 von einem New-Vrindaban-Besucher mit einer Eisenstange krankenhausreif geprügelt worden war, lag Kirtanananda für Monate im Pittsburgh Allegheny General Hospital im Koma.
Kurz darauf machte sich ein Gefolgsmann aus New Vrindaban auf die Jagd und erschoss einen Rivalen Kirtananandas in Kalifornien. Der Mörder, Tom Drescher, sagte später vor Gericht aus, die Tötung sei von Kirtanananda angeordnet worden.
Drescher, Mönchsname Tirtha, verbüßt wegen des Kalifornien-Mordes und der Ermordung eines weiteren Krishnajüngers (Stephen Bryant) eine lebenslange Haftstrafe in West Virginia. Sheldon saß als Mitverschwörer im Kalifornien-Mord für zwei Jahre im Gefängnis.
1996 ließ sich Kirtanananda auf ein partielles Schuldeingeständnis zur Erwirkung einer milderen Strafe ein und erhielt eine zwanzigjährige Haftstrafe wegen Betruges anstelle von Mord. Die ursprüngliche Anklageschrift hatte auf zweifachen Mord gelautet und enthielt zudem den Vorwurf, die Krishnajünger von New Vrindaban hätten über 5 Jahre 10 Millionen US-Dollar illegal erwirtschaftet, indem sie nachgemachte Markenprodukte wie z. B. Sportartikel und Snoopy-Aufkleber, gegen Geld-"Spenden" anboten.
Schließlich exkommunizierte die ISKCON Kirtanananda und New Vrindaban aufgrund von Verbrechen und Verfälschungen der reinen Lehre, wie der Aufstellung einer Jesusfigur im Lotussitz im Tempel direkt neben der von Prabhupada. Die Hare Krishnas von West Virginia "bekehrten" sich jedoch und wurden wieder in die ISKCON aufgenommen.
Der abtrünnige Guru wurde 2004 nach acht Jahren aus der Haft entlassen. Er leidet an Asthma und den Folgen einer Kinderlähmung, und sitzt im Rollstuhl.
Der 68-jährige Kirtanananda predigt heute einen Christus-Krishna-Mischmasch im Tempel einer ISKCON-Splittergruppe in Manhattan. (The Sanctuary). Er behauptet, einer Hexenjagd zum Opfer gefallen zu sein.
"Es war mein größter Fehler, mir auf mein Werk etwas einzubilden", so seine Worte. "Ich dachte, es wäre alles meine eigene Leistung [=und nicht das Werk des Herrn, Anm. Ü.]. Und das ist ein großer Fehler. Hochmut kommt vor dem Fall."
Aber das Schlimmste stand den Hare Krishnas noch bevor: Enthüllungen über weit verbreitete Fälle von Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch in New Vrindaban und weiteren Hare-Krishna-Internaten.
2001 reichten 92 Kläger, die sich selbst als die "Children of ISKCON" bezeichnen, Schadensersatzklagen bei amerikanischen Bundesgerichten ein. Sie klagten auf eine Schmerzengeldsumme 400 Millionen US-Dollar wegen sexuellem Kindesmissbrauch, körperlichen Misshandlungen und seelischer Grausamkeit durch Lehrer und andere ISKCON-Mitglieder.
Daraufhin stellten die Hare-Krishna-Tempel in New Vrindaban, Los Angeles und San Diego Insolvenzantrag; die ISKCON ließ sich 2005 auf eine gerichtliche Einigung ein, welche die Gesamt-Schmerzensgeldsumme auf 9,5 Millionen US-Dollar beschränkte. Von den mehr als 500 Klägern, die in dem Gerichtsdokument benannt werden, hat bislang keiner eine Schmerzensgeldzahlung erhalten. Nach Aussagen des ISKCON-Sprechers Anuttama sollen die ersten Schecks noch in diesem Monat [April 2006] ausgestellt werden.
Naradamuni, der Präsident von New Vrindaban, äußerte, die Tempel seien sehr stark von Spendengeldern abhängig. "Im Augeblick haben die Hare-Krishna-Tempel in Nordamerika ganz gewiss nicht die finanziellen Mittel, um dieser Zahlungsverpflichtung [wegen Kindesmissbrauchs] nachzukommen.Woher das Geld kommen soll, kann ich Ihnen auf Anhieb nicht sagen. Die ISKCON schwimmt ja nicht gerade im Geld", sagte er.
Nach Naradamunis Worten hat die New-Vrindaban-Kommune fast die Hälfte ihres Jahresbudgets, 400.000 US-Dollar, in einen Schmerzensgeldfonds überwiesen.
Zukunftsaussichten
Mit der Schmerzensgeldforderung als zusätzliche Belastung für die knappe Tempelkasse sind das marode Dach des "Goldpalastes" und andere Reparaturarbeiten erst einmal aufgeschoben. Dies äußerte Malati, eine weibliche Tempelbewohnerin und die allererste Frau im Weltrat der ISKCON. "Wenn wir es nicht tun [bezahlen], würden unsere Besitztümer versteigert werden, auch New Vrindaban. Wir ziehen dies nicht wirklich in Erwägung, aber passieren könnte es", äußerte sie.
Malati, ehemals Melanie Nagel, lebte auf einem Berggipfel in Oregon, als Freunde sie überzeugten, in San Francisco einen Hare-Krishna-Tempel zu gründen. Zuvor hatte sie in England "Hare Krishna" gesungen, zusammen mit dem Gitarristen der Beatles, George Harrison.
Nun arbeitet Malati (60) in einem behelfsmäßigen Büro in New Vrindaban. Sie trägt über ihrer Ordensrobe eine bis zum Hals zugezogene Fleecejacke und scherzt mit Naradamuni über die Hörgeräte, die sie beide tragen.
Sie und andere hoffen auf Morgenlicht am Horizont der ISKCON nach einer düsteren, skandalumwitterten Zeit. Eine Meile entfernt vom "Goldpalast" behauptet jedoch ein anderer Krishnajünger, dass der größte Skandal der ISKCON noch immer im Dunkel verborgen sei.
Keith Haslam (65) behauptet, der Begründer der Hare Krishnas, Bhaktivedanta Prabhupada, sei einem Mordanschlag seiner Jünger zum Opfer gefallen.
Haslam und andere, das selbsternannte "Team zur Aufklärung des Mordes an Bhaktivedanta" (Bhaktivedanta Investigation Force), haben ein Buch veröffentlicht, in dem sie in rot und blau gedruckten Großbuchstaben darlegen, dass Prabhupada vergiftet wurde. "Entscheiden Sie selbst" (Judge For Yourself), heißt das Buch. Es enthält unter anderem Gedichte eines staatlich geprüften Toxikologen.
Laut Haslam, der den Mönchsnamen Kamsahanta trägt, gibt es ein brisantes Tondokument von Prabhupadas Sterbebett. Angeblich soll darauf ein Jünger "The poison [das Gift] is going down" raunen, während der altersschwache Swami, damals 81, ein Glas Milch trinkt.
Die Tonaufnahme liegt dem Buch als CD bei. Leise aber deutlich flüstert darauf jemand: "The swelling [die Schwellung] is going down." Trotzdem hält sich die Verschwörungstheorie um Prabhupadas Tod so hartnäckig, dass die ISKCON inzwischen ein eigenes Buch herausgebracht hat, um sie zu widerlegen.
"Die Hare Krishnas mögen schon eine Randgruppe sein, aber diese Leute sind der absolute Rand", sagt Malati dazu.
The nächste Generation der Hare Krishnas
Naradamunis Sohn, Gauranga Kishore (24), leitet als Hare-Krishna-Mönch Kochkurse für Veganer an der Universität von Pittsburgh. Er hofft, damit mehr Nicht-Inder für seinen Glauben zu interessieren. "Ich sehe dies als Bestandteil meiner Lebensaufgabe", äußert er.
Dass die Hare-Krishna-Religion auch außerhalb ihres hinduistischen Ursprungslandes begeistert, werde durch den wachsenden Zulauf bei Hare-Krishna-Tempeln in Russland und China bewiesen, sagen die Hare Krishnas. Sie sagen auch, dass beim Bau eines neuen Hare-Krishna-Tempels in Utah Mormonen mithelfen, und dass einige Mormonen sich zum Krishna-Glauben bekehrt haben. Dennoch scheint es so, als habe Prabhupada mit seiner Mission, das "Krishnabewusstsein" den Menschen der westlichen Welt nahe zu bringen, in erster Linie ein Refugium für kulturell entwurzelte Inder geschaffen.
Der Softwareprogrammierer Virinchi Kotikalapudi ist vor zwei Jahren in die Gegend gezogen. Er stammt aus Madras und hat im Jahre 2005 mehr als 500 US-Dollar an New Vrindaban gespendet, und sich damit eine ehrenvolle Erwähnung in der Spenderliste des New-Vrindaban-Rundbriefs gesichert. Die meisten der 270 Spender aus Pittsburgh und Umgebung sind Inder, sagt Kuladri, der den Newsletter herausgibt.
Nach New Vrindaban kommt Virinchi Kotikalapudi (42) mit seiner Familie einmal pro Monat. Er sagt, dass die Herkunft seiner Mitgläubigen für ihn keine große Bedeutung habe. "Es ist mir egal, wer kommt oder nicht kommt. Jeder ist willkommen, sich unsere Botschaft anzuhören", so sagt er.